„Mir ist besonders die Offenheit für Neues wichtig“
Publishing Leaders U40: Gabriel Rinaldi, Süddeutsche Zeitung, über die Zukunft des Verlegens

Published: 29.7.2026 | Foto / Video: Jens Hartmann
Wie baut man hochprofitable Fach-Communities auf und nutzt KI sinnvoll im redaktionellen Alltag?
Gabriel Rinaldi, Teamleiter bei SZ Dossier und Ex-Politico-Reporter, gehört zu den spannendsten Köpfen einer neuen Führungsgeneration im Publishing. Im Interview verrät das „Top 30 bis 30“-Talent, warum er für seine tägliche Recherche auf einen eigenen KI-Agenten setzt, weshalb billige KI-Texte der falsche Weg für Verlage sind und wie moderne Führung ohne verstaubte Schablonen gelingt.
Ein inspirierender Einblick in die Zukunft von Digitalbriefings, Produktentwicklung und Leadership.
In der Serie „Publishing Leaders U40“ befragen wir jüngere Führungskräfte zu ihrer Perspektive auf die Branche. Lesen Sie auch die Beiträge mit Frederik Wehmeier (Argon), Isabella David-Zagratzki (tagesschau24), Benjamin Köhler (Funke), Isabelle Püttmann (Herder), Katharina Backhaus (Rudolf Müller), Jana Ganguly (KOSMOS), Lukas Becker (Murmann), Sarah Bohatschek (Goldegg), Anne Friebel (Palomaa Publishing), Saskia Wenzel (De Gruyter Brill), Nora Haller (Blessing und Heyne), Colin Hauer (Hörbuch Hamburg) und Dominik Dresel (Klett Lernen und Information).
Welche Innovation im Publishing hat Dich zuletzt angefixt?
Politische Fachbriefings gehören für mich derzeit zu den spannendsten journalistischen Produkten. In den Jahren, in denen ich SZ Dossier mit aufbauen durfte, haben wir immer wieder Neues ausprobiert. Zuletzt etwa mit Live-Journalismus – kurzweilige Webinare für unsere Leserinnen und Leser. Wir schaffen damit Communities für Entscheider und Expertinnen, die für ihren Themenbereich brennen und auf exklusive Informationen und Hintergründe angewiesen sind. Damit einher geht eine große Offenheit für neue Formate und Geschäftsmodelle.
Das Privileg, jeden Tag neue Dinge zu lernen
Gab es einen entscheidenden Moment oder eine menschliche Begegnung, bei der Du wusstest: Ich muss in der Medienbranche arbeiten?
Angefangen hat meine Leidenschaft für den Journalismus bei der Lokalzeitung. Wir haben das Privileg, jeden Tag neue Dinge zu lernen, und gleichzeitig eine wichtige Aufgabe als vierte Gewalt. Für mich war immer klar, dass mein Platz in der Medienbranche ist. Seit meiner Zeit bei SZ Dossier kam noch etwas hinzu: eine große Freude daran, strategisch an Formaten und Produkten zu arbeiten. Trotzdem bin und bleibe ich Reporter. Als Teamleiter für unser Digitalbriefing habe ich genau diesen Sweet Spot gefunden: journalistisch arbeiten und als Führungskraft die Zukunft eines Produkts mitgestalten.
Was waren die langweiligsten Vorurteile, mit denen Du Dich als junge Führungskraft herumschlagen musstest?
Bislang musste ich mich mit erstaunlich wenigen Vorurteilen herumschlagen. In so mancher Runde kann es etwas länger dauern, sich Respekt und Vertrauen zu erarbeiten. Mein Rat: dranbleiben und den eigenen Fähigkeiten vertrauen.
Welche Werte sind Dir in der Unternehmenskultur besonders wichtig, und wie versuchst Du sie im Alltag umzusetzen?
Offenheit und die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln. In einem funktionierenden Team sollte es immer so sein, dass alle miteinander sprechen und sich auch über Herausforderungen und Probleme austauschen. Wir können diese nur angehen, wenn sie offen angesprochen werden – auch dann, wenn sie unbequem sind. Mir ist es wichtig, dass wir uns als Team gemeinsam hinterfragen und reflektieren, wie wir inhaltlich und organisatorisch besser werden können.
Nicht nur verwalten – weiterentwickeln
In welchen Punkten unterscheiden sich junge Führungskräfte in Verlagen von den älteren hauptsächlich?
Jede Generation hat gute Führungskräfte und weniger gute Führungskräfte. Mir ist besonders die Offenheit für Neues wichtig: Als Führungskraft möchte ich nicht nur verwalten, sondern mein Team und mich weiterentwickeln.
Wie „hart“ muss heute ein Führungsstil sein?
Er muss in erster Linie für das Team funktionieren. Ich halte wenig von Schablonen, weil jedes Teammitglied einen eigenen Charakter hat, der jede Person auch so wertvoll für das Team macht. Dafür muss eine Führungskraft empfänglich sein. Ich sehe meinen Job vor allem darin, dem Team Struktur zu geben, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ein positives Umfeld zu schaffen. Dazu gehören auch klare Erwartungen und ehrliches Feedback – auf beiden Seiten.
YouTube und Podcast oder eher Fach- und Wirtschaftspresse: Wie hältst Du Dich fachlich auf dem Laufenden?
Als Journalist lese ich gerne und viel, was die nationalen und internationalen Kolleginnen und Kollegen schreiben, vor allem zu meinen Fachbereichen in der Digitalpolitik. Das reicht von Heise und Golem hin zu Financial Times und New York Times. Ich starte aber auch mit verschiedenen Podcasts in den Tag und habe zusätzlich zu meiner Leseroutine einen eigenen, privaten KI-Agenten gebaut, der mir vollautomatisiert per Telegram interessante und relevante Artikel schickt.
Die Digitalisierung konfrontiert die Verlagsbranche mit schnellen und großen Veränderungen. Welche Chancen siehst Du darin für Dein Haus?
Der KI-Agent ist ein schönes Beispiel, weil er meinen Workflow auf eine sinnvolle Art und Weise ergänzt. Ich verlasse mich nicht nur auf den Agenten. Oft stoße ich aber auf Artikel, die ich sonst übersehen hätte. Wir müssen uns überlegen, wie KI und disruptive Technologien unsere Routinen erleichtern können. Dabei sollte unser Ziel sein, mehr Raum für Recherche und den Austausch mit Entscheiderinnen und Entscheidern zu schaffen. Dort entsteht der journalistische Mehrwert, den keine Technologie ersetzen kann.
Welche Innovationen braucht die Branche ganz dringend?
Wer KI nutzt, um mittelmäßige Texte zu schreiben, und gute Redakteure entlässt, geht den falschen Weg. Lasst uns als Branche lieber darüber sprechen, wie wir diese Technologien sinnvoll einsetzen können. Dafür wünsche ich mir in der Debatte mehr Offenheit. Und in den Redaktionen mehr Wissen darüber, was KI-Tools schon heute gut können – und was nicht. Viele, die über KI sprechen und entscheiden, haben selbst höchstens mal die kostenfreie Version von ChatGPT verwendet.
Warum glaubst Du, dass Du in der Branche eine spannende Zukunft hast?
Es ist meine Neugier, die mich immer angetrieben hat. Ich möchte nach einer gewissen Zeit neue Dinge ausprobieren. Das war schon bei der Unizeitung so, wo ich gemeinsam mit dem Team zuerst eine neue Online-Strategie konzipiert und dann kurzerhand die Website neu gebaut habe. In der Medienbranche und speziell bei den politischen Fachbriefings ist gerade sehr viel in Bewegung. Die Welt wird immer komplexer. Menschen brauchen Informationen und Einordnung, die in der Schnelligkeit und Präzision nur der Journalismus liefern kann. Wer Lust hat, sich einzubringen, erwischt gerade einen guten Moment.
Gabriel Rinaldi (LinkedIn-Profilseite) ist Teamleiter des Digitalwende-Briefings bei Süddeutsche Zeitung Dossier. Er ist seit Juli 2023 bei SZ Dossier. Zuvor war er Reporter im Berliner Büro von Politico. Er studierte Politik, Soziologie und Wirtschaft in Berlin, London und Mailand und wurde parallel an der Journalistenschule ifp in München ausgebildet. 2021 wählte ihn das Medium Magazin zu den „Top 30 bis 30“ im Journalismus. 2022 erhielt er den „Medienpreis für digitale Aufklärung“.
Foto: Jens Hartmann.