„Im KI-Zeitalter wird es entscheidend werden, zentraler Vertrauenskompass zu sein“
Publishing Leaders U40: Isabella David-Zagratzki, tagesschau24, über die Zukunft von Medien und Verlagen
KI, Deepfakes, Plattform-Algorithmen und veränderte Nutzungsgewohnheiten setzen Medienmarken unter Druck. Für Isabella David-Zagratzki von der tagesschau liegt die zentrale Herausforderung und Chance der digitalen Transformation darin, junge Zielgruppen mit verlässlicher Information, klarer Einordnung und „Digital First“-Storytelling zu binden. Entscheidend bleibt dabei ein journalistischer Kernwert: Vertrauen.

Published: 28.5.2026 | Photo / Video: tagesschau.de
In der Serie „Publishing Leaders U40“ befragen wir jüngere Führungskräfte zu ihrer Perspektive auf die Branche. Lesen Sie auch die Beiträge mit Frederik Wehmeier (Argon), Benjamin Köhler (Funke Mediengruppe), Isabelle Püttmann (Herder), Katharina Backhaus (Rudolf Müller), Jana Ganguly (KOSMOS), Lukas Becker (Murmann), Sarah Bohatschek (Goldegg), Anne Friebel (Palomaa Publishing), Saskia Wenzel (De Gruyter Brill), Nora Haller (Blessing und Heyne), Colin Hauer (Hörbuch Hamburg) und Dominik Dresel (Klett Lernen und Information).
Welche Innovation im Publishing hat Dich zuletzt angefixt?
Ich finde es beeindruckend und inspirierend, in welcher Geschwindigkeit wir durch Ansätze wie Vibe Coding mit Hilfe von KI echte Anwendungen generieren können, die Redaktionen unterstützen. Gleichzeitig ist klar: KI kann gerade im Bereich Nachrichten nur ein Sparringspartner sein und echte Menschen bei ihren Tätigkeiten unterstützen. Durch KI erzeugte Bilder und Videos dürfen im Informationsangebot keine Rolle spielen.
Der letzte prüfende und kritische Blick der Journalistinnen und Journalisten ist immer entscheidend. Gleichzeitig stehen wir in einer Welt voller KI-Deepfakes als Medienmarken vor der Herausforderung, als Anlaufstelle für seriöse Nachrichten auffindbar zu sein und Hilfestellung beim Erkennen von Fakes zu geben. Für die Zukunft von Medienmarken wird entscheidend sein, wie sie den Weg ins KI-Zeitalter als strukturelle Chance nutzen und gleichzeitig ihren Kernwert erhalten können: Vertrauen.
Führung braucht einen klaren „Nordstern“
Welche Kompetenzen werden deiner Meinung nach für die nächste Generation von Führungskräften in der Medienbranche besonders wichtig sein?
Wer Medienmarken in die Zukunft führen will, muss in der Lage sein, Menschen auch durch radikale und parallel laufende Transformationen zu führen, während gleichzeitig die Ressourcen knapper werden. Es bedarf der Fähigkeit, auch kurzfristig strategische Entscheidungen anzupassen, das eigene Programm an den sich wandelnden Nutzungsbedürfnissen zu orientieren und dabei generationenübergreifend Mitarbeitende mit Klarheit und dem notwendigen Erwartungsmanagement zu führen. Das Wichtigste dabei ist ein klares strategisches Zielbild: der Nordstern, das, was uns in fünf, in zehn Jahren ausmachen soll.
Die Digitalisierung konfrontiert die Verlagsbranche mit schnellen und großen Veränderungen. Welche Chancen siehst Du darin für Dein Haus?
Mit der Marke tagesschau haben wir uns in den vergangenen Jahren im Digitalen einen Vorsprung erarbeitet. Wir sind wichtigste Anlaufstelle für die Jüngsten, wenn es um vertrauenswürdige Information geht. Das gilt für unseren Auftritt auf Social-Media-Plattformen, aber auch in der ARD Mediathek und in der tagesschau-App. Junge Menschen kommen zu uns, wenn sie sich informieren wollen. Unsere Chance besteht darin, sie zu binden: mit der richtigen Ansprache, mit Einordnung und Erklärung, auch von Reporterinnen und Reportern vor Ort. Denn auch regionale Einblicke und Perspektiven aus den Berichtsgebieten von Landesrundfunkanstalten wie dem NDR spielen eine zentrale Rolle. Die Fragen der Nutzenden ernst zu nehmen und zentraler Vertrauenskompass im KI-Zeitalter zu sein, wird entscheidend werden, um Gen Z und Alpha zwischen Unterhaltung und Influencern weiterhin mit Nachrichten zu erreichen. Der mediale Wandel betrifft nicht nur sie, wir müssen unsere Kraft grundsätzlich in „Digital First“-Storytelling verlagern, das auch bei der Mediennutzung, zum Beispiel beim Streaming, für mittlere Altersgruppen entscheidend wird.
Menschen vertrauen Menschen
Welche Innovationen braucht die Branche ganz dringend?
Die größte notwendige Innovation ist aus meiner Sicht die Rückbesinnung auf eine Kernerkenntnis des Journalismus: Menschen vertrauen Menschen. Wir brauchen Gesichter, die auch in den jüngsten Zielgruppen für unsere redaktionellen Standards stehen und Information vermitteln können. Wir müssen immer davon ausgehen, dass unser Angebot zwischen Unterhaltung und Fakes in den Feeds konsumiert wird. Dazu müssen wir als etablierte Medienhäuser in der Lage sein, von News-Creatoren zu lernen und zu kooperieren, wo es möglich und sinnvoll ist. Denn unser Hauptziel ist, plattformunabhängig die Bedürfnisse der Nutzenden zu verstehen. Nur dann kann es uns gelingen, insbesondere als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ein gesellschaftlicher Vertrauensanker zu sein.
Warum glaubst Du, dass Du in der Branche eine spannende Zukunft hast?
Ich halte es für eine außerordentlich spannende Zeit für moderne Führungskräfte in der Medienbranche, die Digitalisierung, KI sowie nutzerorientiertes Entwickeln und Arbeiten verinnerlicht haben. Ich sehe mich in der Rolle, Brücken zu bauen zwischen dem, was jahrzehntelang journalistische Champions League war und ist und nun den Weg ins Digitale finden muss. Es gibt aus meiner Sicht keine spannendere Zeit, Führungskraft zu sein. Führungskräften und Medienmanagerinnen wie mir gibt das die Chance, durch eine tiefgreifende Transformation zu führen und die Zukunft unserer Newsrooms und Redaktionen zu gestalten. Gerade in einer Zeit, in der wir auch als Gesellschaft insgesamt vor großen Herausforderungen stehen, ist das auch eine große Verantwortung. Es muss uns weiter gelingen, Menschen in allen Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten mit Nachrichten und Information zu erreichen.

Isabella David-Zagratzki (LinkedIn-Profilseite) ist Geschäftsführerin von tagesschau24 und stellvertretende Leiterin der Abteilung Strategie und Innovation bei ARD-aktuell. In dieser Funktion verantwortet sie strategische, digitale Transformationsprozesse, insbesondere in den Bereichen Video, Social Media, Audience Development und Künstliche Intelligenz.
Zuvor leitete sie gemeinsam mit Patrick Weinhold die Social-Media-Redaktion der tagesschau. Das digitale lokale Nachrichtenprojekt hh-mittendrin.de verantwortete sie als Gründerin und Herausgeberin. Die studierte Politikwissenschaftlerin startete als freie Journalistin bei ZEIT Online und taz.
Als Speakerin war sie unter anderem auf der re:publica vertreten.
Foto: SarahButh