„Veränderung ist nicht nur ein Ereignis, sondern ein Dauerzustand“
Publishing Leaders U40: Frederik Wehmeier, Argon, über die Zukunft des Verlegens
Die Verlagsbranche steht vor außergewöhnlich tiefgreifenden Veränderungen durch Digitalisierung und KI. Frederik Wehmeier, Geschäftsführer bei Argon, gehört zu einer Generation von Führungskräften, die den digitalen Wandel nicht als Bedrohung, sondern als Gestaltungsauftrag begreift. Im Gespräch erklärt er, warum Kontrolle überschätzt wird und welche Rolle KI in seinem Verlag spielt. Fehlende Marktdaten zählt er zu den drängendsten Problemen der Branche. Seine Antworten zeigen: Change Management ist längst keine Ausnahmekompetenz mehr, sondern Kerngeschäft.

Published: 28.5.2026 | Photo / Video: Argon
In der Serie „Publishing Leaders U40“ befragen wir jüngere Führungskräfte zu ihrer Perspektive auf die Branche. Lesen Sie auch die Beiträge mit Benjamin Köhler (Funke), Isabelle Püttmann (Herder), Katharina Backhaus (Rudolf Müller), Jana Ganguly (KOSMOS), Lukas Becker (Murmann), Sarah Bohatschek (Goldegg), Anne Friebel (Palomaa Publishing), Saskia Wenzel (De Gruyter Brill), Nora Haller (Blessing und Heyne), Colin Hauer (Hörbuch Hamburg) und Dominik Dresel (Klett Lernen und Information).
Welche Innovation im Publishing hat Dich zuletzt angefixt?
Wie wohl viele bin ich fasziniert vom Thema KI. Meine Stimmung schwankt dabei zwischen der Begeisterung für die Potenziale eines intelligenten KI-Einsatzes und der Anerkennung der grundlegenden Disruption, die damit einhergeht – nicht nur in der Arbeitswelt, sondern generell.
Bei argon haben wir das Thema bewusst prominent platziert. Wir geben ihm viel Raum, um allen Kolleg:innen die Chance und die Möglichkeit zu geben, diesen Wandel aktiv mitzugestalten.
Gab es einen entscheidenden Moment oder eine menschliche Begegnung, bei der Du wusstest: Ich muss in einem Verlag arbeiten?
Mein Einstieg ins Verlagswesen im Jahr 2014 war eher ungeplant. Ich hatte das große Glück, genau in einer Zeit des (erneuten) Wandels in der Branche zu beginnen. Die damalige Offenheit, meiner Sichtweise zuzuhören und neue Ansätze auszuprobieren, war enorm. Dieser motivierende und positive Start hat meine gesamte Verlagslaufbahn geprägt und ist bis heute mein Antrieb.
Was waren die langweiligsten Vorurteile, mit denen Du Dich als junge Führungskraft herumschlagen musstest?
Tatsächlich kann ich mich an keine echten Vorbehalte erinnern. Es gab lediglich häufiger die Situation, dass eine Idee schon einmal besprochen wurde („Ja, die Idee hatten wir auch schon“). Eine gute Idee ist aber nur so viel wert wie ihre Umsetzung oder Verprobung.
Führung auf Augenhöhe statt durch Kontrolle
„Junger Hüpfer führt alten Knacker“ – wie gelingt es Dir, ein altersgemischtes Team zu motivieren und zu führen?
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Schlüssel zum Erfolg in einer gemeinsamen Vision und klaren Zielen liegt, und nicht in hierarchischer Autorität. Daher sind Alter oder Position für mich zweitrangig. Ich pflege stets eine Begegnung auf Augenhöhe mit meinen Kolleg:innen, bei der sich die beste Idee durchsetzt. Dabei kann sowohl langjährige Erfahrung als auch ein völlig neuer Gedanke zum Erfolg führen.
Welche Werte sind Dir in der Unternehmenskultur besonders wichtig, und wie versuchst Du sie im Alltag umzusetzen?
Eine positive Fehlerkultur ist essenziell, um schnelles und effektives Lernen aus Irrtümern zu ermöglichen. Dies wird durch die zentralen Werte Eigenverantwortung und Transparenz gestärkt. Durch die Verankerung dieser Werte entsteht ein Klima des Vertrauens, in dem sich niemand verstellen muss und offen zugegeben werden kann: „Ich weiß es (noch) nicht.“ Dies fördert ein ehrliches und vertrauensvolles Miteinander. Und das wiederum fördert eine bessere Kommunikation, und eine gute Kommunikation ist die Grundlage für nachhaltiges Wachstum.
Welche Kompetenzen werden Deiner Meinung nach für die nächste Generation von Führungskräften in der Verlagsbranche besonders wichtig sein?
Change Management ist zweifellos eine der Schlüsselkompetenzen der Gegenwart. Veränderung ist nicht nur ein Ereignis, sondern ein Dauerzustand. Insbesondere für Führungskräfte ist es unerlässlich, Neuerungen umsichtig zu begleiten. Da wir alle Menschen sind, benötigen wir bei Veränderungen Zeit und Unterstützung.
In welchen Punkten unterscheiden sich junge Führungskräfte in Verlagen von den älteren hauptsächlich?
Dies ist keine empirische Studie, sondern spiegelt lediglich meine persönliche Wahrnehmung und Erfahrung aus der Zeit vor meiner Führungsrolle wider. Meiner Ansicht nach wird das Thema „Kontrolle“ unterschiedlich gewichtet. Jüngere Führungskräfte neigen eher dazu, Aufgaben zu delegieren und Unterstützung anzubieten, anstatt ins Micromanagement zu verfallen.
Wie „hart“ muss heute ein Führungsstil sein?
Ich finde „hart“ in dem Kontext schwierig. Es gibt natürlich auch schwere Entscheidungen, die man treffen muss. Deshalb muss die Führung aber nicht hart sein.
YouTube und Podcast oder eher Fach- und Wirtschaftspresse: Wie hältst Du Dich fachlich auf dem Laufenden?
Es hängt vom Thema und meiner Stimmung ab. Mal höre ich einem Gespräch lieber zu, mal möchte ich selbst tiefer in den Text eintauchen und mir Notizen machen.
Automation als Chance, Marktdaten als Lücke
Die Digitalisierung konfrontiert die Verlagsbranche mit schnellen und großen Veränderungen. Welche Chancen siehst Du darin für Dein Haus?
Besonders im Bereich der Automation sehe ich ein enormes Potenzial, repetitive Aufgaben zu eliminieren und so mehr Zeit für die wirklich relevanten Dinge zu gewinnen: den zwischenmenschlichen Austausch. Denn das ist etwas, das keine KI und kein Tool jemals ersetzen kann. Unser Geschäft bleibt ein People’s Business. Unser wahres Kapital liegt im persönlichen Austausch mit Menschen, nicht in der reinen Fähigkeit, Daten von einem System ins andere zu kopieren.
Welche Innovationen braucht die Branche ganz dringend?
Auch wenn es keine revolutionäre Idee ist: Ich frage mich schon lange, warum uns noch immer keine verlässlichen, formatübergreifenden Marktdaten zur Verfügung stehen.
Gibt es ein Buch, das Du jungen Kolleg:innen besonders empfehlen würdest?
In Bezug auf eine neue Führungsrolle? „The First 90 Days“ von Michael D. Watkins
Und für den Feierabend: „Lázár“ von Nelio Biedermann
Warum glaubst Du, dass Du in der Branche eine spannende Zukunft hast?
Ganz im Sinne von Heraklits Satz: „Nichts ist so beständig wie der Wandel“, erlebe ich diese Branche. Seit Beginn meiner Verlagskarriere haben sich mein Umfeld und meine Aufgaben kontinuierlich weiterentwickelt. Diese Dynamik empfinde ich als äußerst spannend. Ich begegne Veränderungen stets mit großer Neugier und der Hoffnung, noch viele Jahre aktiv an diesem Wandel mitwirken zu können.

Frederik Wehmeier (LinkedIn-Profilseite) ist seit Juni 2023 kaufmännischer Geschäftsführer des Berliner Hörbuchverlags Argon und führt das Haus gemeinsam mit Verlegerin Heike Schmidtke. Der Betriebswirt kam von den Holtzbrinck Buchverlagen, wo er seit 2019 den Vertrieb für Amazon und Digitalkunden verantwortete. Davor leitete er den Online-Sales-Bereich des Ullstein Verlags.
