Alarmstufe Rot im Kinderzimmer: Das stille Sterben der Lesekultur
Literaturpädagogin Pia Löber-Wille und Stiftung-Lesen-Chef Thomas Rathnow über den dramatischen Käuferschwund bei Kindern und Jugendlichen – und Auswege aus der Lese-Misere.

Published: 26.7.2026 | Photo / Video: AI generated, Magnific
Politik essen Lesen auf?
PISA warnt vor sinkender Lesekompetenz. Dennoch geraten bewährte Förderprogramme unter Druck. Gleichzeitig bricht die Zahl der Buchkäuferinnen und -käufer im Alter von 10 bis 15 Jahren ein (mehr lesen).
Was das Zeug zum Polit-Skandal hätte, löst nur laue öffentliche Reaktionen aus. Dabei heben Expert:innen die überragende Bedeutung des Lesenkönnens und des Lesens für Bildung und Urteilsfähigkeit sowie seelische Gesundheit hervor, und es fehlt nicht an entsprechenden Lippenbekenntnissen aus der Politik.
Lesekompetenz aber ist für niemanden so existenziell wichtig wie für Publishing und angrenzende Industrien.
Im IGNITE! Publishing-Podcast sprechen Pia Löber-Wille, Lese- und Literaturpädagogin und Vorstandsmitglied im Bundesverband Leseförderung, und Thomas Rathnow, früher CEO der Penguin Random House Verlagsgruppe und seit einem Jahr Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen, über den unbefriedigenden Stand der Leseförderung in Deutschland und mögliche Auswege. Die wichtigsten Aussagen im Überblick.
Die Fakten: Ist Panik angebracht?
Die Marktdaten sind alarmierend, müssen aber eingeordnet werden. Laut Börsenverein sank die Zahl der Buchkäuferinnen und -käufer in der Altersgruppe 10 bis 15 Jahre binnen eines Jahres um 31 Prozent, die Ausgaben gingen um 24 Prozent zurück. Zugleich zeigen PISA-Daten, dass seit 2018 der „Lesescore“ fällt – ein statistischer Wert, der die Fähigkeit eines Menschen zum Lesen und Verstehen von Texten misst. Die Podcast-Gäste interpretieren diese Entwicklung nicht als plötzlichen Einbruch, sondern als Ergebnis eines langfristigen Trends, verstärkt durch ausbleibende frühe Sprach- und Leseimpulse, fehlende Lesevorbilder und eine schulische Literaturauswahl, die häufig nicht ausreichend passgenau ist.
In der Mediennutzung überlagern überdies oft kurze, fragmentierte Textformen wie Chats und Social-Media-Posts längere, zusammenhängende Leseakte. Das ersetzt keine tiefgehende Lesepraxis. Im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit wird zerstückelt, die Einstiegshürde für längere Texte steigt.
Wer ist in der Pflicht?
Die Schule kann bestehende Unterschiede nur begrenzt ausgleichen, denn große bildungsbezogene und sprachliche Differenzen bringen die Kinder bereits bei der Einschulung mit. Die Erwartungen an Lehrende sollten deshalb realistisch bleiben. Für die Grundschule schlagen die Podcast-Gäste verlässlich etablierte Vorlesezeiten durch Lehrkräfte – auch männliche! – vor, um Lesen emotional positiv zu besetzen. In der Sekundarstufe I sollten Jugendliche an der Literaturauswahl beteiligt werden, damit sie Inhalte als lebensweltlich relevant erleben und Anschlussfähigkeit entsteht.
Verlage stehen zwischen Hype und strukturellem Auftrag. Die Wachstumswelle bei Young und New Adult zeigt, wie eine Community-Dynamik Verkäufe treiben kann. Doch Rückgänge, etwa in den USA im Jahr 2025 mit minus 26 Prozent bei Young Adult, verdeutlichen die Volatilität dieser Trends. Die Gefahr besteht, dass kurzfristige Hypes langfristige Erosionsprozesse kaschieren.
Verlagsexperte Rathnow betont, dass Publikumsverlage im Buchhandelsland Deutschland seit jeher Programm für vorhandene Leserinnen und Leser machen, während sie die riskante Erschließung neuer, buchhandelsferner Zielgruppen scheuen, insbesondere jenseits des Buchhandels. Es fehlt also schlicht an Lesefutter für teile der nachwachsende Generation.
Aus der Praxisperspektive von Löber-Wille sollten Verlage ihr Angebot an Materialien und Formaten für Kitas und Grundschulen ausbauen. Gefragt sind kurze, aktivierende Praxisimpulse und dialogisches Vorlesen, nicht nur Unterrichtsmaterial zu Romanen. Ziel ist es, Bücher besprechbar, diskutabel zu machen, systematisch solche Buchgespräche anzuregen und echte Interaktion zu fördern statt allein auf Empfehlungen durch Autoritäten zu setzen.
Politik und öffentliche Leseförderung: Versagen oder Plan?
Auf politischer Ebene zeigt sich ein Missverhältnis in der Förderlogik. Während MINT-Projekte – sie sollen interessierte Kinder für Ingenieur- und Wissenschaftsberufe begeistern – in drei Jahren 55 Millionen Euro erhielten, kostete der demokratischere „Lesestart 1–2–3“ nur etwa 2,5 Millionen Euro pro Jahr – und dessen Finanzierung steht aktuell auf der Kippe.
Leseförderung ist mehr als Kultur- oder Bildungspolitik – und sie ist Demokratie- und Zukunftsförderung. Ohne frühe Sprachkompetenz droht soziale Spaltung. Gefordert sind auch zur Selbstverteidigung der offenen Gesellschaft konsequente, verlässliche Finanzierung der Förderinitiativen, ihre lokale Verankerung in Form stadtweiter Leseinitiativen und die Einbindung alltagsnaher Vorbilder, etwa über Vorleseaktionen.
Eine Königsidee: „Abfallhelden lesen vor“. Die Stiftung Lesen gewann Kommunalunternehmen und private Entsorger, einige ihrer (vorwiegend männlichen) Mitarbeiter zum Vorlesen in Schulen zu entsenden.
Was nun helfen kann
Im Kontext neuer Formate wachsen Audioangebote, doch sie sind komplementär und keine Substitute für Lesekompetenz. Wer gut zuhören und lernen kann, hat in der Regel zuvor grundlegende Fähigkeiten zur intellektuellen „Textverarbeitung“ erworben.
Um die Wirkung aller Maßnahmen besser messen zu können, sollten kurzfristig die Sprachkompetenzen von Kita- und Vorschulkindern systematisch beobachtet und Daten über die Lesemotivation erfasst werden. Mittelfristig gilt es, den Anteil der Viertklässlerinnen und Viertklässler mit ausreichender Lesekompetenz deutlich zu erhöhen, denn hier werden Effekte konsequenter Frühförderung sichtbar. Buchkäufe sind ein relevanter, aber nachgelagerter Indikator. Eine Markterholung setzt zuvor den Aufbau basaler Kompetenzen und Motivation voraus.
Das Fazit ist eindeutig: Eine nachhaltige Leserschaft entsteht vor Schule und Kita. Wer früh in Sprache, Vorlesen und praxisnahe Formate investiert, legt die Grundlage für Lesekompetenz, relevante Verlagsangebote und einen resilienten Buchmarkt – und nicht zuletzt für eine kompetente, gebildete, politisch stabile deutsche Gesellschaft.

Pia Löber-Wille (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2022 als selbstständige Literaturpädagogin mit ihrem Unternehmen "Wörter.Wunder.Welten - Literaturpädagogik Leseförderung" tätig. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt in der Sprachbildung und Literacy-Förderung in Kindertagesstätten. Als Dozentin bildet sie Erzieher:innen und Kita-Fachkräfte in alltagsintegrierter Sprachbildung und frühkindlicher Leseförderung fort. Zu ihren Leistungen gehören Veranstaltungsmanagement, Eventplanung und -koordination sowie die Beratung von Eltern und Familien im Umgang mit Büchern. Sie führt zudem Kreativworkshops mit Kindern durch. Pia Löber-Wille hat einen Bachelor-Abschluss in Anglistik von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Thomas Rathnow (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2025 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen und als Gründer der Thomas Rathnow Literatur- und Medienagentur Berater und Vermittler in Verlagsprojekten. Er war zuletzt CEO der Verlagsgruppe Penguin Random House (PRH) in Deutschland, zuvor in verschiedenen Führungsrollen im Umfeld von Bertelsmann-/Random‑House, unter anderem als Verlagsleiter und Programmverantwortlicher mit Schwerpunkt Belletristik und Sachbuch. Davor bekleidete er Funktionen in Lektorat, Programmmanagement und Redaktion verschiedener Buch- und Presseverlage.
