„Wir übersetzen Klang“
Eduardo García, Geschäftsführer von Atmende Bücher: Wie man internationalisiert und dennoch Boutiqueverleger bleibt
Foto/Video: Youtube
Manchmal beginnt Internationalisierung nicht mit einem Businessplan, sondern mit einer obsessiven Hörsession und dem Mut, einfach loszulegen. Eduardo García erzählt, wie sich ein kleines Indie-Setup Schritt für Schritt in einen operativen Alltag zwischen weltweiten Studios, klarer Wiedererkennbarkeit und echten Partnerschaften verwandelt hat. Im Zentrum steht dabei nicht „jetzt auch auf Englisch“, sondern die Idee, Klang und Inszenierung so zu übertragen, dass Audio-Branding über Grenzen hinweg funktioniert. Dazu kommen eine prominente Autorin und Gesellschafterin, ein bewusst begrenzter KI-Einsatz und ein Blick in einen Markt, der immer lauter wird. Die spannende Frage: Wo entscheidet sich, ob Masse gewinnt – oder Handschrift?
Was verbinden Sie als Digital-Indie mit „Internationalisierung“?
Eine Menge. Bereits vor acht Jahren waren wir als kleine kreative Guerilla-Zelle Pionier in diesem Bereich. Anfangs haben wir uns einfach auf US-Audio-Plattformen durch viele Hunderte Hörbücher gehört, um die richtige Stimme für uns zu finden, dann in New York ein Studio gebucht, nebenbei noch viel Spaß mit US-Sprechergewerkschaften gehabt und einfach losgelegt. Kurz darauf haben wir eine PR-Betreuung und einen US-Vertrieb vor Ort gefunden und landeten nur wenig später auf der Shortlist für den Digital Book World Award. Da auch Michelle Obama zeitgleich veröffentlicht hatte, durften wir den leider nicht mit nach Hause nehmen, aber die Nominierung war schon ein großer Meilenstein.
Fast forward: Heute haben wir ein etabliertes Studio- und Producer-Netzwerk, das wir über German Wahnsinn nutzen, und Internationalisierung ist unser operativer Alltag. Wir produzieren in Barcelona, Madrid oder Bogotá und São Paulo, auch mal in einer Live-Hörspiel-Schaltung mit zwölf Schauspieler:innen von Hamburg über Glasgow bis Maine und Los Angeles. Das ist wirklich ein großer Spaß!
Dabei ist es wichtig zu betonen, dass Internationalisierung für uns nicht einfach bedeutet „wir machen das jetzt auch auf Englisch, Spanisch oder Französisch“, sondern wir übersetzen Klang. Das „klingende Wort“, wie Cornelia es so schön beschreibt, gepaart mit unserer Art der Sound-Inszenierung, ist das, was uns als Indie in der Branche ausmacht und bei Konsument:innen für echte Wiedererkennung sorgt, Stichwort Audio-Branding.
In diesem Jahr veröffentlichen wir 6–8 internationale Titel und sind schon sehr gespannt, wo uns die Reise hinführt.
Cornelia Funke als Gesellschafterin: Wo hilft sie, Visionen wahr werden zu lassen und Türen zu öffnen?
Cornelia bringt zwei Superkräfte mit: Weltpublikum und künstlerische Konsequenz. Durch ihre immense internationale Vernetzung mit Kreativen verfügen wir über einen fantastischen Schatz, der uns natürlich Türen öffnet, aber vor allem auch Vertrauen schafft. Wir tauschen uns regelmäßig aus, entwickeln gemeinsam Ideen und gehen mutig an Projekte heran. So ist in einem einstündigen Call auch schon mal schnell das kreative Programm für das ganze Jahr besprochen.
Bekenntnis zum Boutique Publishing
Wie sieht Ihre Strategie zum Einsatz von KI aus?
Künstliche Intelligenz ist bei uns Produktionsbeschleuniger, nicht kreative Abkürzung. Wir nutzen sie derzeit da, wo sie Produktion smarter macht. Beispielsweise, wenn es um Barrierefreiheit, technische Optimierung sowie interne Workflows geht, oder auch als Problemlöser, wenn etwa jemand krank oder abwesend ist. Aber eben bewusst nicht für die eigentliche Erzählung oder das Hörspiel. Das wird sich bei Atmende Bücher auch nicht ändern. Schon vor drei Jahren haben wir für sehr kurzfristige Skriptänderungen zu Tintenherz 4 für kurze Passagen mit eigener KI gearbeitet – und das offen kommuniziert.
In meiner Funktion als Partner von German Wahnsinn und dem Bereich Markenstimmen sieht das natürlich etwas anders aus. Für unsere Arbeit als Audio-Agentur haben wir eigene spezialisierte Audiodeveloper im Haus, auf die wir zurückgreifen können, und sind so stets über die aktuellsten Entwicklungen informiert. Dennoch gilt strikt: keine Nutzung von den üblichen globalen Plattformen, Training nur mit Einwilligung – und wenn, dann auf unseren Servern im eigenen Rechenzentrum, technisch, rechtlich wie ethisch abgesichert.
Wo wird Ihr Markt in drei, fünf, zehn Jahren stehen – und was wird Ihre Position darin sein?
Zug um Zug wird sicherlich noch mehr „Audio-Masse“ entstehen – auch automatisiert. Unser Gegenentwurf bleibt der Fokus auf menschliche Exzellenz und Qualität: mit Boutique-Label und hochwertigen Produktionen, die international skalieren, ohne die eigene Handschrift zu verlieren.
Außerdem werden immersive Erweiterungen normaler werden, genauso wie Gamification und Serienlogik – und genau da fühlen wir uns richtig zu Hause.

Eduardo García (LinkedIn-Profilseite) ist Mitbegründer und Geschäftsführer von German Wahnsinn sowie Mitbegründer des Hörbuchlabels Atmende Bücher. Als Musikverleger, Tonmeister und Produzent entwickelt er seit den 1990er-Jahren kreative Audio-Konzepte. Er ist ein Pionier in der Hörbuchproduktion und hat an preisgekrönten Projekten wie der „Reckless“-Reihe von Cornelia Funke gearbeitet.
Foto Eduardo García, German Wahnsinn (c) Tim Ohnsorge.