„Internationalisierung beginnt bei uns mit der Definition des Markenkerns“
Carsten Schwarz, Vertriebsleiter Kiddinx, über Internationalisierung im Kinderhörspiel-Markt
Internationalisierung klingt nach Skalierung im Höllentempo und automatisierter Übersetzung – im Kinderhörspielmarkt ist sie eher ein Präzisionsjob.
Carsten Schwarz zeigt, welche Kompetenzen Verlage brauchen, wenn Redaktion, Produktion, Rechte und Vertrieb wirklich zusammenarbeiten sollen: Plattformlogiken verstehen, Content pro Markt geschickt kuratieren und Markenkerne so definieren, dass die Character, mit denen Kinder sich identifizieren sollen, auch jenseits des DACH-Raums konsistent bleiben. Dazu kommen heikle kulturelle Feinheiten, die sich nicht einfach in den Metadaten abbilden lassen, sowie Ressourcenallokation, die bis zu Casting, Sounddesign, Titeln und Cover-Entscheidungen reicht.
Und dann steht da noch die nächste Wette im Raum: Was passiert, wenn Audio und Bewegtbild enger zusammenrücken – und welche Marke profitiert zuerst davon?
Welche Kompetenzen brauchen Verlage für eine ganzheitliche internationale Strategie?
Internationalisierung im Hörspielmarkt funktioniert nur, wenn Redaktion, Produktion, Rechte und Vertrieb eng verzahnt sind. Entscheidend sind ein tiefes Verständnis für Audio-Plattformen und deren Datenlogiken sowie echte Lokalisierungsexpertise, die über reine Übersetzung hinausgeht. Gerade bei starken Marken wie Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg oder Bibi & Tina müssen Markenkern, Tonalität und Qualitätsstandards klar definiert sein, damit sie international konsistent, aber trotzdem marktnah ausgespielt werden können.
Wichtig ist außerdem die Fähigkeit, Content-Pakete pro Markt sinnvoll zu kuratieren – nicht alles funktioniert überall gleich gut. Wir haben uns z. B. im ersten Schritt für den englischsprachigen Markt entschieden und die beiden Marken Benjamin Blümchen und Bibi&Tina dort mit einer Auswahl von Folgen platziert.
Welche Rolle spielen agiles Arbeiten und agiles Führen im internationalen Kontext?
Im Hörspielmarkt ist der Begriff „Agilität“ nur eingeschränkt übertragbar. Unsere Inhalte werden digital vertrieben, meist auf denselben internationalen Plattformen, auf denen auch die deutschen Hörspiele verfügbar sind. Das bedeutet: Wir führen keine internationalen Teams über Ländergrenzen hinweg. Auch agiles Arbeiten ist bei Hörspielen nur begrenzt möglich. Ein Hörspiel lässt sich nicht schnell iterieren oder nachträglich anpassen – es ist ein abgeschlossenes, aufwendig produziertes Werk mit festen Sprechern, Musik und Dramaturgie. Anders als im Buchbereich oder bei digitalen Textformaten können Inhalte nicht kurzfristig verändert werden.
Unser Ansatz ist daher ein anderer: Wir versuchen nicht, Inhalte ständig neu anzupassen, sondern machen die deutschen Originale von Benjamin Blümchen oder Bibi & Tina mit gezielten, sehr behutsamen Anpassungen international verständlich und attraktiv. Das bedeutet für uns vor allem kluge Auswahl, saubere Lokalisierung und ein genaues Verständnis dafür, welche Stoffe, Tonalitäten und Formate auch außerhalb des deutschsprachigen Marktes funktionieren.
Lost in translation? Stolpersteine der Internationalisierung
Was sind kulturelle Stolpersteine, die Publisher bei der Internationalisierung unterschätzen?
Im Kinderhörspiel werden kulturelle Unterschiede oft unterschätzt. Humor, Erzähltempo, Rollenbilder oder auch die Art, wie Erwachsene und Kinder miteinander sprechen, funktionieren international sehr unterschiedlich. Gerade bei dialogstarken Formaten wie Benjamin Blümchen oder Bibi & Tina ist Sprache zentral: Wortspiele, Lautmalerei oder Figurenbeziehungen lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Wer das ignoriert, riskiert, dass eine eigentlich starke Marke emotional nicht ankommt. Zusätzlich werden oft praktische Faktoren unterschätzt: Metadaten, Alterskennzeichnungen und Cover-/Titel-Entscheidungen beeinflussen die Auffindbarkeit auf Plattformen massiv.
Wie gelingt eine Lokalisierung von Inhalten über die Sprache hinaus?
Lokalisierung beginnt bei uns mit der Definition des Markenkerns – was unverhandelbar ist und was nicht angepasst werden darf. Darüber hinaus können wir aber Sprechtempo, Casting, Sounddesign, Episodenauswahl, Titel und Cover an lokale Hörgewohnheiten anpassen. Wir kuratieren dabei gezielt Einstiegsfolgen, die ohne viel kulturelles Vorwissen funktionieren. Ein gutes Beispiel sind unsere Benjamin-Blümchen-Gute-Nacht-Geschichten auf Englisch: Hier haben wir bewusst ein Format gewählt, das international anschlussfähig ist und universelle Erzählmuster nutzt.
Innovationspotenziale
Worin liegen aktuell die größten Innovationschancen beim Thema Internationalisierung?
Eine große Chance liegt in der Verknüpfung von Audio und Bewegtbild. Wenn eine Marke visuell im Markt präsent ist, sinkt die Einstiegshürde für Audio deutlich. Deshalb entwickeln wir aktuell weitere Benjamin-Blümchen-Hörspiele zur CGI-Serie …
… also zur Computer-Generated-Imagery-Serie von 2025…
… und arbeiten an der englischen Übersetzung der deutschen CGI-Serie. Darüber hinaus sehen wir Innovationspotenzial in datengetriebenen Programmentscheidungen (Episodenauswahl, Packaging, Release-Taktung), in neuen Familien- und Ritualformaten sowie in ausgewählten lokalen Kooperationen, um unsere Marken international organisch wachsen zu lassen.
Herausforderung und Optimismus gehören dabei zusammen: Unsere Marken sind stark im deutschen Kulturraum verankert – genau deshalb müssen wir behutsam lokalisieren. Gleichzeitig sind die Figurenwelten so klar und emotional, dass wir überzeugt sind, Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg und Bibi & Tina international weiter etablieren zu können.

Carsten Schwarz (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2013 bei der KIDDINX Media GmbH beschäftigt und seit 2019 deren Vertriebsleiter. Seine Laufbahn begann er nach entsprechendem Fachstudium in der Tourismuswirtschaft.
Die KIDDINX Media GmbH mit Sitz in Berlin gehört zu den führenden Anbietern von Kinder- und Familienunterhaltung in Deutschland. Mit Kultfiguren wie Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen und Bibi & Tina freut und prägt KIDDINX seit rund 50 Jahren Generationen. Das Portfolio umfasst Hörspiele, Filme, Serien, Apps, Bücher sowie ein dynamisches Lizenzgeschäft.
