Vom Experiment zur Ernüchterung: Warum so viele Publishing-Experimente scheitern
Eine Bestandsaufnahme digitaler Publishing-Innovationen – und was Verlage daraus lernen sollten. Von Geert Lovink

Video: Youtube
E-Books sind heute Standard – aber meist als „besseres PDF“. Warum sind die vielbeschworenen multimedialen Buchformate der 2000er- und frühen 2010er-Jahre versandet? Was hat die Plattformökonomie damit zu tun, welche Rolle spielen Podcasts und Audiobooks – und wie verschiebt KI die Wissensarchitektur? Der Podcast IGNITE! Publishing (Folge 20) liefert Antworten.
Die neue Folge beleuchtet Aufstieg und Scheitern digitaler Publishing-Experimente seit der Einführung des Kindle (2007) und des iPads (2010). Gesprächspartner ist der Medienforscher Geert Lovink, Gründungsdirektor des Institute of Network Cultures (Amsterdam). Lovink forscht zu Netzkultur, Plattformen und digitalem Publizieren und hat eine Studie zu den Gründen des Scheiterns vieler Publishing-Experimente vorgelegt (hier ausführlich zusammengefasst).
Das Gespräch ist auch im IGNITE! Publishing Podcast, Folge 20, zu hören.
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Verpasste Plattformdynamik, Risikoaversion und organisierte Regression
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch
E-Book als „organisierte Regression“: Trotz früher Visionen (HTML-E-Books, App-basierte Multimediaformate, interaktive 3D-Leseumgebungen) hat sich im Massenmarkt ein reduziertes, weitgehend textbasiertes E-Book durchgesetzt. Lovink spricht von einer Spaltung: Technologie entwickelt sich rasant weiter – jedoch abgekoppelt vom Buch als Synthese- und Speicherform für Wissen.
Verpasste Plattformdynamik: Viele Experimente (u. a. Enhanced E-Books, digitales Storytelling, App-Formate) waren inhaltlich interessant, scheiterten aber an fehlender Skalierung und Plattformlogiken. Anders als Instagram oder TikTok erzeugten sie kein Momentum und keine Netzwerkeffekte. Amazon und Apple machten E-Books marktfähig, doch multimediale Formate etablierten sich nicht nachhaltig.
Risikoaversion und fragmentiertes Know-how: Verlage investierten in den 2000ern/ frühen 2010ern, zogen sich aber nach ausbleibendem kommerziellem Erfolg zurück. Lovink diagnostiziert zudem Wissenssilos: Parallelentwicklungen ohne Austausch (z. B. mehrfach unabhängig entwickelte Web-to-Book-Konverter) erhöhten Kosten und minderten Wirkung.
Nischen leben weiter – ohne Traktion: „Expanded Publishing“ existiert in Form von Video-Essays, interaktiven Comics, Podcasts und AR-Formaten (teils im Kinderbuchbereich). Diese Innovationen bleiben jedoch Nischenphänomene und schaffen es nicht in die Breite.
Audiobooks und Podcasts wachsen evolutionär: Lovink sieht im Audio ein alternatives Wachstumsmodell. Die Grenze zwischen Hörbuch und Podcast verschwimmt in der Nutzungspraxis. Plattformen wie Spotify legen beide Inhalte nahe beieinander – ein Vorteil für Reichweite und Monetarisierung, ohne dass dafür komplexe Multimedia-Standards erforderlich wären.
Das Buch als Objekt behauptet sich: Neben digitalen Rückschlägen beobachtet der Podcast die Renaissance hochwertiger physischer Ausstattungen. Die haptische Qualität wird zum Verkaufsargument – ein Gegenpol zur flüchtigen, störanfälligen Digitalwelt.
KI verschiebt die Wissensspeicher: Large Language Models sind bereits ein „Metabuch“, das Wissen absorbiert und rekombiniert. Gleichzeitig fehlen klare rechtliche Leitplanken; viele erwartete Urheberrechtsauseinandersetzungen bleiben (noch) aus. Lovink hält die heutige KI-Nutzung für „noch recht primitiv“, sieht aber die grundsätzliche Entkopplung von Buchwesen und technologischer Weiterentwicklung bestätigt.
Europäische KI-Infrastrukturen im Aufbau: Auf politischer Ebene erwartet Lovink einen klaren Trend zu europäischen KI-Systemen in Verlagen und Universitäten. Der Konsens in Brüssel und Berlin: eigene Angebote statt völliger Abhängigkeit von US-Plattformen. Herausforderung bleibt die schnelle Skalierung und Nutzergewinnung.
Realistische Perspektive statt Kulturpessimismus: Lovink widerspricht der These, das Buch „verweigere“ die Digitalisierung grundsätzlich, betont aber dessen Stärke als langlebiges, materielles Wissensobjekt. Digitale Datenflüsse eignen sich primär für Verarbeitung, weniger für dauerhafte, verlässliche Speicherung und Synthese. Das Medium Buch bleibt hier komplementär – und relevant.
Fazit
Digitale Buch-Experimente scheiterten weniger an fehlender Nutzer:innen-Nachfrage als an fehlender Plattformdynamik, Risikoaversion, fragmentiertem Know-how und einer Entkopplung von Tech- und Buchlogiken; Wachstum entsteht derzeit eher in Audioformaten, während KI als neuer Wissensspeicher Verlagen zugleich die Aufgabe stellt, eigene, skalierbare Infrastrukturen und klare Nutzungsszenarien aufzubauen.
Das Gespräch führten Albrecht Mangler und Daniel Lenz.

Geert Lovink ist ein niederländischer Medientheoretiker, Internetkritiker und Autor. 2004 gründete er das Institute of Network Cultures an der Hogeschool van Amsterdam, das nach seiner Pensionierung 2026 unabhängig wird. Er ist Teil von Unterstützungskampagnen für ukrainische Künstler, insbesondere UkrainaTV (Krakau) und das damit verbundene StreamArtNetwork.
Zuletzt publiziert: „Die Brutalität der Plattform“, Transcript Verlag