Warum gute Metadaten im Zeitalter der KI-Chatbots noch wichtiger werden
Ein Interview mit Peter Schmid-Meil, Product Owner bei Zebralution Digital Publishing

Metadaten galten lange als trockenes Pflichtprogramm der Verlagsbranche. Doch mit dem Aufkommen KI-gesteuerter Suchsysteme rückt das Thema neu ins Rampenlicht. Peter Schmid-Meil, Product Owner bei Zebralution Digital Publishing und seit über zehn Jahren mit Metadaten beschäftigt, ist überzeugt: Wer seinen SEO-Job gut gemacht hat, ist auch für die KI-Suche gut aufgestellt. Im Interview spricht er über strukturierte Daten, Romance-Tropes als neues Klassifikationsmerkmal – und eine „heiße Debatte“ um Chilischoten.
Das Gespräch ist auch im IGNITE! Publishing Podcast, Folge 18, zu hören.
Peter, du beschäftigst dich seit über zehn Jahren mit dem Thema Metadaten. Warum sind sie heute noch so wichtig?
Metadaten haben nie an Bedeutung verloren. Wenn du ein Produkt hast, ist das schön – aber wenn du nicht die vernünftigen Metadaten darum hast, dann kannst du es schlicht und ergreifend nicht verkaufen. Das heißt: Du kannst das tollste Buch der Welt haben, aber ohne gute Metadaten wirst du es nicht veröffentlichen können. Zumindest nicht über die üblichen Verkaufskanäle, wo Bücher über die Suche gefunden werden. Das gilt übrigens nicht nur online. Auch dem stationären Buchhandel helfen gute Metadaten dabei, Bücher richtig zu platzieren und einzuordnen.
Seit einigen Jahren suchen immer mehr Menschen Produkte mithilfe von KI und KI-gesteuerten Chatbots. Deine These ist, dass Metadaten dadurch sogar noch wichtiger geworden sind. Warum?
Absolut wichtig – eigentlich sind sie fast noch wichtiger geworden als vorher. Wenn man mit KI sucht, ist das ein bisschen so wie früher mit Sprachassistenten: Man stellt eine Frage und bekommt eine Antwort. Bei Google war man gewohnt, 20, 30, 40 Vorschläge zu bekommen. Eine KI hingegen versucht, eine möglichst konkrete Antwort mit nur wenigen Inhaltspunkten zu geben. Wenn die Metadaten da nicht wirklich on point sind, läuft man Gefahr, dass das eigene Produkt einfach nicht gefunden wird. Dementsprechend ist es noch mal wichtiger, diese Daten wirklich ausführlich, korrekt und relevant zu halten.
Gibt es aus eurer Beobachtung eine Art Faustformel, wie man sich für die KI-Suche gut aufstellt?
Das vielleicht beruhigende Credo, das wir aus der Erfahrung mitgeben können: Wenn man seinen SEO-Job gut gemacht hat, ist man für die KI-Suche auch schon sehr gut aufgestellt. Eine KI, ein Bot, ist ja auch nichts anderes als eine Maschine. Und was lieben Maschinen? Strukturen. Wenn die sehen: Das hier ist eine Überschrift erster Ordnung, das ist der wichtigste Inhalt – wenn ich Titel, Untertitel, Klappentext und so weiter sauber strukturiert habe und die richtigen Inhalte drinstehen, dann findet das eine KI „lecker“ und nimmt es auf. Und je besser man da seinen Job macht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Bot in Zukunft wieder vorbeischaut und die Seite als seriöse Informationsquelle ernst nimmt.
Lass uns auf einen der Hoffnungsträger der Buchbranche blicken: den Romance-Bereich. Warum spielt da das Thema Metadaten eine besondere Rolle?
Bei belletristischen Teildisziplinen ist es generell nicht so leicht, saubere Unterscheidungen zu treffen, weil sich viele Titel ähneln. Im Romance-Bereich gibt es jetzt aber ein Phänomen, das zwar nicht ganz neu ist, aber gerade richtig im Markt ankommt: die Tropes. Das sind bestimmte Erzählmuster, die eine feinere Klassifikation von Romance-Titeln ermöglichen. Für die Menschen, die sich dafür interessieren, erlauben diese Tropes eine viel genauere Suche – vorausgesetzt, man gibt diese Information den Produkten als Metadatum mit.
Für Einsteiger: Das wohl bekannteste Beispiel für Tropes ist „Enemies to Lovers“: Feinde werden zu Liebenden. Und diese Erzählmuster sind für viele Leser:innen des Genres absolut zentral – manche tragen sogar Hoodies, auf denen ihre Lieblingstropes stehen. Wie viele Tropes gibt es eigentlich?
Das ist eine sehr fließende Anzahl. Insgesamt sind es mittlerweile Tausende – nicht nur für Romance. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde in der IG Produktmetadaten von internationalen Kolleg:innen berichtet, dass man irgendwo zwischen 2.000 und 3.000 angekommen sei.
Wie sieht die Umsetzung konkret aus – wie übermittelt man Tropes als Metadaten?
Im Moment ist das noch ein bisschen Wildwuchs, ehrlich gesagt. Was ich bisher gesehen habe: Die Tropes werden entweder im Beschreibungstext oder in den Keywords übermittelt, damit sie überhaupt die Chance haben, in Suchen aufzutauchen. Das ist grundsätzlich erst mal okay, solange sie sich noch nicht als durchstrukturiertes, organisiertes Metadatum durchgesetzt haben. Thalia ist tatsächlich der erste Shop, der Tropes auch wirklich darstellt und danach suchen lässt. Und Thalia würde sich, glaube ich, sehr freuen, wenn es dafür ein strukturierteres Übermittlungselement gäbe.
Gibt es da bereits Bewegung auf Verbandsebene?
Ja, die IG Produktmetadaten im Börsenverein hat ganz kürzlich ein Best-Practice-Dokument herausgebracht und einen Vorschlag gemacht, wie man Tropes in ONIX übermitteln kann. Es gibt jetzt eine eigene Codelist mit den 27 wichtigsten Romance-Tropes. Ich kann sehr empfehlen, sich dieses Papier auf der Homepage des Börsenvereins beziehungsweise der IG Digital herunterzuladen und zu überlegen, wie man das in die eigenen technischen Systeme integriert. Das wird mit Sicherheit eine größere Nummer werden. Und ich bin sehr sicher: Es wird sich mittelfristig nicht auf den Romance-Bereich beschränken. Auch für Thriller, Krimi und andere Genres werden Tropes kommen. Strukturell darauf vorbereitet zu sein und auf dem Laufenden zu bleiben, halte ich für den wichtigsten Schritt.
Ein weiteres Thema, das in der Arbeitsgruppe diskutiert wird, ist die sogenannte „Spicyness“ – der Erotikgehalt eines Titels. Was hat es damit auf sich?
Das ist eine durchaus heikle Frage, die gerade in der Arbeitsgruppe diskutiert wird. Der Wunsch kam tatsächlich aus dem Buchhandel: Wenn ich ein Buch empfehlen möchte – vielleicht sogar einem Elternteil oder einer Großmutter –, ist es natürlich schwierig zu greifen, wie erotisch oder nicht erotisch die Inhalte sind. Deshalb arbeitet eine Gruppe gerade an einer Einteilung in ein Fünfer-System, das durch Chilischoten markiert werden soll – von null bis fünf. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine heiße Debatte, denn es ist nicht einfach, diese Dinge zu differenzieren und sich auf eine Skalierung festzulegen. Aber die Stoßrichtung ist richtig: Gerade im Romance-Bereich gibt es Titel, die vom Cover her total harmlos aussehen, es inhaltlich aber überhaupt nicht sind. Wenn da künftig drei oder vier Chilischoten stehen, weiß man sofort Bescheid.
Das Gespräch führte Daniel Lenz.

Peter Schmid-Meil eil arbeitet seit über 25 Jahren in der Verlagsbranche und war als Produktmanager und Programmleiter bei mehreren Verlagen tätig. Aktuell ist er Product Owner Digital Publishing bei Zebralution. Sein Spezialgebiet und gleichzeitig seine Leidenschaft ist das Thema Digitalisierung in all seinen Facetten von Produktentwicklung über Marketing bis hin zu den dazu nötigen Prozessen.
