„Kulturelle Anschlussfähigkeit schaffen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen“

Marc Sieper, Geschäftsführer Audio-to-Go, über den internationalen Transfer von Authentizität

Video: Freepik

Manchmal entscheidet nicht die Größe eines Verlags über Internationalisierung, sondern die Klarheit seiner Haltung. Marc Sieper beschreibt, wie Audio-To-Go internationale Märkte nicht über „mehr Output“, sondern über Profil, Netzwerke und schnelle Entscheidungen erschließt – von Übersetzungen bis zu englischen Originalen, von Duett-Lesungen bis zu Premium-Narration als Markenverstärker. Er zeigt, warum kulturelle Anschlussfähigkeit im Audio nicht nur an Worten hängt, sondern an Stimmen, Tonalität und Erwartungen, die im Zielmarkt oft viel feiner codiert sind, als man von außen ahnt. Und er blickt auf Chancen, die besonders Indies gerade jetzt nutzen können. Die entscheidende Frage: Wo endet Authentizität – und wo beginnt schon Beliebigkeit?

Welche Kompetenzen brauchen Verlage für eine ganzheitliche internationale Strategie?

Eine internationale Strategie ist heute weniger eine Frage von Größe als von Haltung. Man muss wissen, wofür man steht. Audio-To-Go hat sich seit der Gründung bewusst als unabhängiger Qualitätsverlag mit starkem Autor:innenprofil positioniert. Diese klare Identität ist die Voraussetzung, um Inhalte international anschlussfähig zu machen.

Internationalisierung funktioniert außerdem nur über belastbare Netzwerke, zu Übersetzer:innen, Sprecher:innen, Produzent:innen, Plattformen und Agenturen. Mit „Caleb and Kyle Publishing" bauen wir genau diese Brücken, sowohl durch Übersetzungen unseres bestehenden Programms als auch durch englischsprachige Originalwerke.

Und es braucht Flexibilität: Entscheidungen müssen schnell getroffen werden können. Als schlank aufgestellter Verlag können wir Chancen im Markt unmittelbar umsetzen, wie etwa bei der Internationalisierung der erfolgreichen Robin-Hood-Saga von Mac P. Lorne mit einem weltweit renommierten Sprecher wie John Lee.

Welche Rolle spielen agiles Arbeiten und agiles Führen im internationalen Kontext?

Agilität ist für uns kein Buzzword, sondern Realität. Als Drei-Mann-Team gibt es bei Audio-To-Go keine langen Hierarchien, Entscheidungen werden direkt, transparent und lösungsorientiert getroffen.

Im internationalen Kontext bedeutet das: Wir können flexibel auf Marktanforderungen reagieren, Sprecher:innen gezielt auswählen, Produktionsmodelle anpassen (Stichwort „Duett-Lesungen“) oder neue Genres schneller testen. „Caleb and Kyle Publishing“ ist genau aus dieser Agilität heraus entstanden. Führung bei uns heißt: klare Zielbilder und Mut zur Umsetzung.

Akzent, Tonalität, Vertrauen: Warum Authentizität im Audio über Details entscheidet

Was sind kulturelle Stolpersteine, die Publisher bei der Internationalisierung unterschätzen?

Ein häufiger Fehler ist, zu glauben, Internationalisierung bedeute einfach Übersetzung. Tatsächlich geht es um kulturelle Lesarten, Marktmechaniken und sprachliche Feinheiten, die man von außen leicht unterschätzt. Ein ganz konkretes Beispiel aus unserer eigenen Lernkurve: Akzente.

Wir produzieren mehrere Romane, die in Irland spielen und stark mit Dubliner Straßenslang in der wörtlichen Rede arbeiten. Als deutscher Verlag waren wir zunächst überrascht, wie differenziert das Thema Akzent im englischsprachigen Raum wahrgenommen wird. Für uns klang vieles einfach „irisch“, für irische Muttersprachler hingegen sind die Unterschiede zwischen Nord- und Süddublin oder sogar einzelnen Stadtteilen absolut präzise hörbar und kulturell aufgeladen. Was für deutsche Ohren kaum unterscheidbar ist, kann für ein englisches oder irisches Publikum entscheidend für Authentizität (oder eben Unglaubwürdigkeit) sein.

Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass Internationalisierung nicht nur strategisches Denken erfordert, sondern auch Demut. Wir haben deshalb gezielt ein Netzwerk aus Muttersprachler:innen, Dialekt-Coaches und kulturellen Berater:innen aufgebaut, um sicherzustellen, dass Sprache, Tonalität und regionale Färbungen wirklich stimmen.

Gerade im Hörbuch ist das essenziell: Die Stimme trägt die Welt. Und wenn diese Welt akustisch nicht glaubwürdig ist, bricht sie sofort zusammen.

Internationalisierung heißt also nicht nur, Inhalte zu exportieren, sondern kulturelle Präzision ernst zu nehmen, selbst dort, wo man sie anfangs gar nicht erkennt.

Wie gelingt eine Lokalisierung von Inhalten über die Sprache hinaus?

Lokalisierung beginnt bei der Marktanalyse und endet bei der Coverästhetik. Wir prüfen beispielsweise sehr genau, welche Genre-Codes im Zielmarkt gelten, welche Sprecher:innen Vertrauen transportieren, welche Bildsprache funktioniert oder wie Klappentexte strukturiert sein müssen.

Ein Beispiel ist unsere englische Ausgabe von „Die Pranken des Löwen“. Unter dem Titel „The Lion’s Claws“ positionieren wir den Roman klar als epische historische Saga mit einem Narrativ, das internationale Hörer:innen an Ken Follett oder George R.R. Martin erinnert, ohne den historischen Kern zu verlieren. Wir versuchen, kulturelle Anschlussfähigkeit schaffen, ohne in Beliebigkeit zu verfallen.

Worin liegen gerade jetzt die größten Innovationschancen beim Thema Internationalisierung?

Der Audiomarkt ist globaler als der Buchmarkt, Plattformen kennen keine Landesgrenzen. Das eröffnet gerade unabhängigen Verlagen enorme Chancen. Zum Beispiel Backlist-Internationalisierung: Erfolgreiche Titel können mit vergleichsweise schlanker Struktur international neu gedacht werden. Zweitens: Premium-Narration als strategisches Instrument. John Lee, Rory Bremner oder Edoardo Ballerini sind nicht nur Sprecher, sondern Markenverstärker.

Und zuletzt die Genre-Internationalisierung. Romance, Thriller und Epic Historical Fiction sind global anschlussfähig. Mit „Caleb and Kyle kombinieren wir starke Stoffe mit international bekannten Stimmen, das ist kein Experiment, sondern eine bewusst kuratierte Wachstumsstrategie.

Für uns ist Internationalisierung kein Trend, sondern der nächste logische Schritt in der Entwicklung von Audio-To-Go. Michael Matzke hat das Unternehmen 2018 gegründet mit der Vision, hochwertige Hörbücher unabhängig und unternehmerisch zu produzieren. „Caleb and Kyle“ ist die konsequente Fortführung dieser Vision auf internationaler Ebene.

IG-RedID1443_SieperMarc_Internationalisierung-Audio2go_HSh(c)Audio-to-go

Marc Sieper (LinkedIn-Profilseite) ist seit 2020 Gesellschafter und Geschäftsführer des Hörbuchverlags Audio-To-Go Publishing Ltd. Zuvor leitete er 24 Jahre lang den Audiobereich des Kölner Verlags Bastei Lübbe, wo er Lübbe Audio zu einem der führenden Hörbuchlabels ausbaute und früh das Potenzial von Streaming-Diensten und Download-Portalen erkannte. Sieper begann seine Karriere bei Lübbe als Verlagskaufmann, wurde Verkaufsleiter Hardcover und baute ab 1995 das Hörbuchlabel Lübbe Audio auf, das 2003 zur eigenständigen Abteilung wurde.