Lesen im Wandel: Chancen und Herausforderungen für Verlage
Medienwissenschaftler Christoph Engemann über die Zukunft von gedruckten und gehörten Erzählmedien
Die Art und Weise, wie Menschen Bücher konsumieren, verändert sich in rasantem Tempo. Die traditionelle Lesekultur sieht sich zunehmend neuen digitalen Formaten gegenüber, die die Medienlandschaft nachhaltig transformieren. Für Verlage stellt sich die dringende Frage, wie sie in diesem Spannungsfeld agieren und langfristig erfolgreich bleiben können. Besonders im Fokus stehen dabei neue Zielgruppen wie die Young-Adult-Leser:innen sowie die Rolle digitaler Technologien und Plattformen. Welche Potenziale bergen diese Entwicklungen und welche Risiken sind damit verbunden?
Der international dekorierte Medienwissenschaftler Christoph Engemann erklärt im Podcast IGNITE Publishing!, warum das Lesen Zukunft hat – wenn auch eine andere, als vielen Verlagen lieb sein mag. Nachfolgend die wichtigsten Erkenntnisse.
Die Art und Weise, wie Menschen Bücher konsumieren, verändert sich in rasantem Tempo. Die traditionelle Lesekultur sieht sich zunehmend neuen digitalen Formaten gegenüber, die die Medienlandschaft nachhaltig transformieren. Für Verlage stellt sich die dringende Frage, wie sie in diesem Spannungsfeld agieren und langfristig erfolgreich bleiben können. Besonders im Fokus stehen dabei neue Zielgruppen wie die Young-Adult-Leser:innen sowie die Rolle digitaler Technologien und Plattformen. Welche Potenziale bergen diese Entwicklungen und welche Risiken sind damit verbunden?
Christoph Engemann, ein angesehener Medienwissenschaftler, hat sich ausführlich mit der Transformation der Lesekultur auseinandergesetzt. Engemann sieht diese Veränderungen als Reaktion auf veränderte Lesegewohnheiten und technologische Innovationen. Er spricht von einer „Krise des Lesens“, die sich nicht nur im Rückgang der Buchkäufer:innen, sondern auch in der Art des Konsums manifestiert. Für Engemann ist es essenziell, diese Entwicklungen differenziert zu analysieren, um die Zukunft des Lesens aktiv gestalten zu können. Dabei betont er, dass die Verlagsbranche sowohl vor Herausforderungen als auch vor vielversprechenden Chancen steht.
Lesetrends und Herausforderungen: Was Verlage wissen müssen
1. Der Buchmarkt im Wandel
Engemann beschreibt den Buchmarkt als dynamisch und zugleich widersprüchlich. Einerseits gibt es einen kontinuierlichen Rückgang der Buchkäufer:innen – seit 2010 sinkt ihre Zahl jährlich um etwa drei Prozent. Andererseits erlebt speziell die Young-Adult-Literatur einen deutlichen Aufschwung. Insbesondere junge Frauen bilden ein starkes Käufersegment in diesem Bereich. Für Engemann ist dieser Trend ermutigend, da er darauf hindeutet, dass Lesen für diese Zielgruppe zu einer langfristigen Gewohnheit werden könnte. Gleichzeitig warnt er jedoch vor einer überschätzten Nachhaltigkeit dieses Booms. Es sei notwendig, diese Zielgruppe nicht nur kurzfristig zu bedienen, sondern sie durch innovative Ansätze langfristig an das Lesen zu binden.
2. Veränderte Lesegewohnheiten und das scheinbare Paradox langer Formate
Ein zentraler Punkt in Engemanns Analyse sind die sich wandelnden Lesegewohnheiten. Er konstatiert, dass lange und anspruchsvolle Texte – wie sie in Büchern oder journalistischen Formaten vorkommen – zunehmend Akzeptanzprobleme haben. Gleichzeitig beobachtet er jedoch, dass mehr denn je gelesen wird. Der Unterschied liegt in der Art der Texte: Kurze Formate wie Chatnachrichten, Social-Media-Posts oder kurze Artikel dominieren den Alltag vieler Menschen. Engemann erklärt den scheinbaren Widerspruch damit, dass die Aufmerksamkeitsspanne für längere Formate abnimmt, während die Bereitschaft, sich auf kurze und leicht konsumierbare Inhalte einzulassen, steigt. Für Verlage bedeutet dies, dass sie einerseits weiterhin auf Qualität und Tiefe setzen müssen, andererseits aber auch Wege finden sollten, um Leser:innen durch kürzere, zugänglichere Formate wieder an längere Texte heranzuführen.
3. Plattform-Oralität und digitale Transformation
Ein Schlüsselbegriff in Engemanns Analyse ist die „Plattform-Oralität“. Damit beschreibt er die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit durch digitale Plattformen und KI. Inhalte, die traditionell schriftlich vermittelt wurden, sind heute in audiovisuellen Formaten präsent. Hörbücher, Podcasts und Sprachassistenten gewinnen laut Engemann immer mehr an Bedeutung. Diese Entwicklung sieht er ambivalent: Einerseits bieten sich Verlagen neue Möglichkeiten, Zielgruppen zu erreichen, andererseits könnten die Marktmacht großer Plattformen wie Spotify oder Amazon den Zugang zu Inhalten kontrollieren und die Unabhängigkeit der Verlage gefährden. Engemann betont, dass Verlage ihre Position in diesem neuen Ökosystem strategisch überdenken müssen, um sich nicht von externen Plattformen abhängig zu machen.
4. Neue Zielgruppen und Formate
Die Nachfrage nach Young-Adult- und New-Adult-Literatur eröffnet Verlagen neue Chancen. Engemann sieht hier großes Potenzial, warnt jedoch davor, sich ausschließlich auf kurzfristige Trendthemen zu verlassen. Eine nachhaltige Strategie müsse darauf abzielen, Leser:innen nicht nur für populäre Genres zu gewinnen, sondern sie auch an klassische literarische Werke heranzuführen. Für Engemann ist es entscheidend, attraktive Übergänge zwischen verschiedenen Genres zu schaffen, um ein breiteres Publikum langfristig an das Lesen zu binden.
5. Die Rolle des Hörbuchs
Hörbücher haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt, nicht zuletzt dank Plattformen wie Spotify und Audible. Engemann beschreibt diese Entwicklung als zweischneidig. Einerseits machen Hörbücher Literatur flexibler und zugänglicher, andererseits bleibt umstritten, ob sie als gleichwertige Alternative zum klassischen Lesen gelten können. Engemann argumentiert, dass gedruckte Bücher und E-Books durch ihre immersive Qualität weiterhin unschlagbar sind, während Hörbücher vor allem in Alltagssituationen wie beim Pendeln oder Sport punkten. Für Verlage ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Inhalte formatübergreifend zu denken. Engemann spricht sich für Audio-First-Strategien aus, die neue Zielgruppen erschließen und die Reichweite von Literatur erweitern können.
6. Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit
Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Leser:innen stehen Verlage vor der Herausforderung, ihre Inhalte sichtbar zu machen. Engemann hebt Formate wie BookTok, Literaturfestivals oder Social-Media-Kampagnen als wirksame Werkzeuge hervor, um insbesondere jüngere Zielgruppen zu erreichen. Darüber hinaus sieht er großes Potenzial in Veranstaltungen, die das Lesen zu einem sozialen Erlebnis machen – sei es durch Lesungen, Buchcafés oder interaktive Literaturabende. Diese Aktivitäten könnten dazu beitragen, das Lesen aus der digitalen Isolation herauszuholen und wieder stärker in den gesellschaftlichen Diskurs einzubetten.
Fazit: Lesen in einer dynamischen Medienwelt
Die Transformation der Lesekultur stellt Verlage vor komplexe Herausforderungen, bietet aber zugleich auch zahlreiche Chancen. Christoph Engemann betont, dass die Branche neue Zielgruppen gezielt ansprechen, digitale Plattformen sinnvoll nutzen und innovative Geschäftsmodelle entwickeln muss, um zukunftsfähig zu bleiben. Dabei ist es entscheidend, sich an die veränderten Lesegewohnheiten anzupassen, ohne die Essenz des Lesens aus den Augen zu verlieren. Der Schlüssel liegt in einem ausgewogenen Ansatz, der sowohl digitale als auch traditionelle Formate berücksichtigt und das Buch als kulturelles Leitmedium neu definiert. Nur so können Verlage ihren Platz in einer dynamischen Medienlandschaft behaupten.

Christoph Engemann (LinkedIn-Profilseite), 1972 in Paderborn geboren, veröffentlichte im Matthes & Seitz Verlag sein jüngstes Buch „Die Zukunft des Lesens“. Er ist Medienwissenschaftler und forscht nach Stationen in Bremen, Stanford, Austin, Weimar und Hangzhou am DFG-Sonderforschungsbereich „Virtuelle Lebenswelten“ der Ruhr-Universität Bochum. Seine Themenschwerpunkte sind Künstliche Intelligenz, Medien der Staatlichkeit, Graphen, Genealogie der Transaktion, Ruralität und Scheunen.
