Mehr Horror, bitte!
Sebastian Fitzek & Annika Strauss über das neue Buch „REM“, den Markt, Kl und die Zusammenarbeit mit Verlagen

Foto: Audible/Thomas Bayerlein
Für die neue Folge des Podcasts IGNITE! Publishing haben wir mit Bestsellerautor Sebastian Fitzek und der Autorin und Schauspielerin Annika Strauss gesprochen, zunächst über ihr gemeinsames Horrorthriller-Debüt „REM“, das Schlaf und Träume zum Ausgangspunkt eines Albtraums macht. Im Gespräch geht es auch um die Frage, warum Horror als Buchgenre in Deutschland so schwer auf die Füße kommt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Thema Autorenmarke und Verlagsbeziehung: Sebastian Fitzek erklärt, warum er trotz eigenem Team auf den Verlag setzt. Außerdem spricht er über seine Beteiligung am Hörbuch- und E-Book-Verlag Parkum.
Zum Abschluss steht die Frage im Raum, wie lange der Hinweis „Dieses Buch wurde ohne künstliche Intelligenz geschrieben" noch als Qualitätsmerkmal trägt.
Das Gespräch ist auch im IGNITE! Publishing Podcast, Folge 19, zu hören, ab Min 26:40.
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Herzlich willkommen, Annika und Sebastian. Unser Podcast heißt Ignite Publishing – und dabei geht’s im übertragenen Sinne um einen innovativen Funkenflug. Ihr habt zusammen ein Buch geschrieben, das Schlaf als Thema hat, aber Horror trifft darin auch auf Thriller. Was war der erste Funke, der bei euch übergesprungen ist? Annika, was war dein Funkenflugmoment?
Annika: Mein Funkenflugmoment war auf jeden Fall, dass ich überhaupt Horror machen darf. Es ist ein Genre, das in Deutschland leider nicht so verbreitet ist. Im Film hat sich da in den letzten Jahren schon einiges getan – durch die Streamingangebote ist Horror wieder sichtbarer geworden, vor allem auch Horror aus Deutschland. Und in der Buchwelt muss das auch passieren. Das ist das, was wir vorhaben: den Horrorthriller in den Mainstream zu bringen, die Horrorecke im Buchladen größer zu machen, sodass dort nicht nur Titel aus dem Ausland stehen, sondern auch aus Deutschland. Da schlägt mein dunkles Herz höher.
Genretraditionen und die Neupositionierung des deutschen Horror-Marktes
Sebastian, glüht bei dir auch der Funke – mehr Horror in der Buchhandlung?
Sebastian: Bei mir geht das auf eine Idee zurück, die schon lange zurückliegt. 2013, wenn ich mich nicht irre, kam „Der Nachtwandler“ raus, und da hatte ich einen Halbsatz geschrieben, in dem der Protagonist darüber reflektiert, wie es wohl wäre, wenn man sich seine Träume am nächsten Tag anschauen könnte – im Fernsehen, auf dem Handy oder auf einer Brille. Das war der Moment, wo ich dachte: Das ist eigentlich eine gute Idee. Ich würde mir gerne meine Träume ansehen, die meisten vergisst man ja, wenn man aufgewacht ist. Aber was, wenn das keine so gute Idee wäre? Was, wenn das einen Horror auslösen würde? Das war eine Was-wäre-wenn-Frage, die mich seitdem beschäftigt hat.
Annika, du kommst aus dem Filmbereich und hast bei rund vierzig Filmproduktionen mitgewirkt – und bist dabei mehr als zehnmal gestorben.
Annika: Ja, aber auch ganz oft wurde ich einfach nur gefoltert. Manchmal bringe ich das selbst durcheinander. Ich glaube, richtig gestorben bin ich zwölfmal. Das dreizehnte Mal müsste eigentlich etwas Besonderes sein.
Was hat dich zusätzlich gereizt, vom Filmgenre ins Medium Buch zu wechseln?
Annika: Eigentlich hat mich der Film zum Schreiben gebracht. Ich wollte immer Schauspielerin werden, meine erste Rolle hatte ich dann in einem Low-Budget-Horrorfilm, und da bin ich da nicht wieder rausgekommen. Das hat auch Spaß gemacht. Aber in diesen Low-Budget-Produktionen waren die Ideen zwar oft stark, aber die Dramaturgie und die Charakterentwicklung haben mich zunehmend gestört.
Aber Meckern ist ja bekanntlich einfach, es besser zu machen ist die eigentliche Herausforderung. Also habe ich angefangen, an Drehbüchern mitzuschreiben, sie zu optimieren und schließlich mein eigenes Drehbuch verfasst. So kam es, dass ich angefangen habe zu schreiben und gemerkt habe, dass mir das wirklich gut gefällt. Irgendwann habe ich dann auch meinen ersten Roman geschrieben, damals schon ein Mix aus Thriller und Horror. Aber die Verlage waren zu dem Zeitpunkt noch nicht bereit dafür. Also habe ich dann doch einen waschechten Psychothriller geschrieben, Thriller geht ja seit Sebastian in Deutschland. Und da hat’s gleich funktioniert. Mein Herz schlägt aber für den Horror. Deswegen bin ich so dankbar, dass ich jetzt mit Sebastian zusammen Horror machen darf.
Habt ihr eine Vermutung, warum sich Horror im Buch in Deutschland so schwer tut – obwohl er im Film- und Serienbereich hierzulande sehr erfolgreich ist?
Sebastian: Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, was man für einen Erfahrungsschatz hat und was man ausprobiert hat. Im Krimi- und Spannungsbereich hat man lange den Amerikanern, Engländern und später den Skandinaviern den Vortritt gelassen und damit das Vorurteil verfestigt, dass wir Deutsche das nicht können. Da musste lange dagegen angekämpft werden. Die Streamer haben übrigens sehr viel dazu beigetragen, dass man sich nicht mehr verstecken muss, der „Berlin Thriller“ beispielsweise sorgt gerade weltweit für Aufsehen. Im Horror haben wir den Meistern wie Stephen King ebenfalls den Vortritt gelassen und einfach keine Erfahrung auf diesem Gebiet. Man muss aber unglaublich viel ausprobieren, immer wieder. Wir haben jetzt eine Idee, die uns gefällt, und haben sie umgesetzt, und jetzt sind wir gespannt, was passiert.

Konzeptuelle Autorschaft und strategische Genrewahl
Sebastian, für dich ist das nicht die erste Autoren-Kollaboration. Es gibt auch die „Auris“-Reihe, bei der du die Idee entwickelt hast und Vincent Kliesch geschrieben hat. Was steckt dahinter für ein Selbstbild von Autorschaft?
Sebastian: Ich reflektiere über mich als Autor eigentlich selten, weil ich immer von der Geschichte komme, von der Idee. Es ist mir völlig egal, ob eine Idee zu mir als Autorenmarke passt oder nicht, wenn mich etwas so sehr fasziniert, dass ich ein Jahr meiner Lebenszeit damit verbringen will, dann: Go for it. Das kann eine Komödie sein wie „Der erste letzte Tag“, „Elternabend“ oder „Horror Date“.
Bei Auris war es so: Ich hatte eine Idee: ein phonetischer Ermittler, der Stimmen analysieren kann, an der Stimme erkennen kann, ob jemand depressiv ist. Das ist perfekt für ein Hörspiel. Dann meinte Vincent, er würde gerne ein Buch dazu schreiben, und ich sagte natürlich: klar. Ich hätte keine Zeit gehabt, das Buch selbst zu schreiben. Im Horror wusste ich, dass ich das zwar gerne lese und sehe, mich fürs Schreiben aber nicht so sattelfest fühle. Ich dachte, diese Idee mit den Träumen werde ich wahrscheinlich nie verwirklichen. Dann habe ich Annika kennengelernt und gedacht: Das passt doch. Sonst hätte diese Idee nie das Licht der Welt erblickt. Ich sehe mich nicht als Autor, sondern als Geschichtenerzähler – und bei mir steht die Geschichte immer im Zentrum.
Du machst das aber von der Idee abhängig, nicht von einer Strategie. In den USA gibt es ja richtige Schreibfabriken – James Patterson und so weiter. Das ist kein strategischer Move?
Sebastian: Nein. Es wäre auch vermessen zu glauben, man könnte jetzt ein Genre brechen. Und es sucht ja auch kaum jemand bei den Verlagen nach Horror. Wenn das die Strategie wäre, hätten wir wahrscheinlich eher eine New Romance oder Dark Romance geschrieben, irgendwas, wofür gerade ganze Messehallen neu eröffnet werden. Aber da fehlte uns bislang die Idee.
Zum Thema Marketing: Die Webseite zu eurem Buch startet nicht mit einem Cookie-Banner, sondern mit dem Hinweis auf stroboskopische Effekte – fast wie ein Kinobesuch. Es gibt einen Trailer, eine Social-Media-Aktion, Merchandise, ein Gewinnspiel. Ist das Buch nur ein Teil eines größeren kreativen Kosmos – oder der wichtigste Teil?
Annika: Natürlich ist das Buch erst mal das Wichtigste. Der Fokus lag beim Schreiben ausschließlich auf der Geschichte, alles andere war ausgeblendet. Ich finde, Merchandise und all das kommt erst aus der Geschichte heraus. Wenn das Buch abgeschlossen ist, wird man automatisch wieder kreativ und denkt: Wie cool sind eigentlich die Motive, die wir im Buch haben, und wie können wir die weiter umsetzen? Ich persönlich freue mich, wenn ich mich über ein Motiv auch noch in einer optischen Form identifizieren kann, ob das ein T-Shirt oder eine Tasche ist. Meine Mutter hat mir zum Beispiel einen Demogorgon aus „Stranger Things“ gehäkelt, solche Dinge sind auch schön, oder? Das ist ein Prozess, der dann danach entsteht, besonders bei einem visuell dankbaren Genre wie Horror.
Sebastian, ist das eine andere Art von Marketing für so ein Buch?
Sebastian: Für mich steht auch hier die Geschichte im Vordergrund. Ich habe mir irgendwann gesagt: Warum soll sich mein Geschichtenerzählen ausschließlich zwischen den Buchdeckeln abspielen? Ich nutze jede Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen. Eine Lesung beispielsweise ist eigentlich eine Werbe- und Verkaufsveranstaltung für das Buch, aber wer zahlt dafür, wenn er keinen Mehrwert bekommt? Deswegen machen wir die „tiefste Lesung der Welt“ – 700 Meter unter der Erde. Wenn wir einen Trailer machen, dann bitte einen, den es so noch nicht gegeben hat. Das Buch ist für mich wie ein Nagel, den ich in die Wand hauen muss, der muss ordentlich tief und fest sitzen. Dann kann man ein Bild dranhängen, und dann kommen auch andere und machen ein immer größeres Bild daraus. Aber alles fängt beim Buch an. Ob es verfilmt werden kann oder nicht, das ist mir beim Schreiben völlig egal.
Sebastian, du hast eine starke Autorenmarke, sehr erfolgreiche Bücher, Reichweite in den sozialen Netzwerken – das hilft natürlich im Vergleich zu anderen Autor:innen, die auch eine gute Geschichte haben.
Sebastian: Ja, da haben wir ein Henne-Ei-Problem. Mein allererstes Buch kam 2006 raus mit einer Auflage von 2500 Stück und null Euro Marketing. Keine Autogrammkarten, keine einzige Lesung, nichts. Trial and Error mit einer Kleinstauflage, eigentlich zum Scheitern verurteilt. Beim zweiten Buch habe ich schon eine große Premierenfeier gemacht. Bei der ersten Lesung bei „Amokspiel“, damals Platz 15 auf der Bestsellerliste, sind fünf Leute gekommen und drei davon haben in der Buchhandlung gearbeitet.
Aber es hat sich herumgesprochen, dass ich keine gewöhnlichen Lesungen mache. Die, die unterhalten werden wollten, kamen, und das war die Mehrheit. Das hat sich so weit herumgesprochen, dass letztes Jahr 160.000 Leute bei meiner Arena-Tour dabei waren. Man muss einen langen Atem haben. Es hat zehn Jahre gedauert, bis ich meinen ersten Nummer-eins-Bestseller hatte. Im Buchgeschäft ist es immer ein Marathon und nie ein Sprint.
Multimediale Vermarktungssynergien und die Relevanz klassischer Vertriebsstrukturen
Das setzt aber auch voraus, dass du einen Verlag hast, der offen ist und von dir lernt. Ich habe neulich mit einem Influencer gesprochen, der von einem renommierten deutschen Verlag ein Buchangebot bekommen hat und fragte, wie deren Social-Media-Strategie aussehe – und keine Antwort bekam. Das Buch hat er dann selbst gemacht. Du hast im OMR-Podcast erwähnt, dass du heute so etwas wie einen Co-Verlag aufgebaut hast – eigenes Team, Management, PR, Social Media, Grafik. Warum braucht ihr für das Projekt trotzdem noch einen Verlag?
Sebastian: Ich bin ein absoluter Verfechter des Prinzips Arbeitsteilung. Autoren sollten keine T-Shirt-Verkäufer oder Buchdrucker sein, sie sollten sich auf das konzentrieren, was sie am besten können: Geschichten erzählen.
Ein Verlag ist für den Erfolg eines Buches fast unentbehrlich. Nehmen wir allein den Vertrieb: Es ist schlichtweg unmöglich, als Selfpublisher seine Bücher in nennenswerter Auflage in Bahnhofsbuchhandlungen, Tankstellen und Supermärkte zu bekommen. Als Influencer hätte ich den Verlag übrigens, fast noch wichtiger als nach der Social-Media-Strategie, nach der Vertriebsstrategie gefragt. Online E-Books selbst zu verkaufen, mag funktionieren, aber ich bin kein Verkäufer, und das macht mir auch keinen Spaß. Ich liebe es außerdem, mit meiner Lektorin zu arbeiten.
Annika, was bedeutet dir das Lektorat?
Annika: Allein das ist schon so wertvoll. Ich habe 2024 meinen Debüt-Thriller „Nachtfahrt“ veröffentlicht und hatte davor gar keine Verlagserfahrung. Mir war wichtig, mit professionellen Menschen zu arbeiten, die genau wissen, was sie tun. Deswegen war mein erster Weg zu einer Literaturagentur. Und auch wenn wir jetzt zu zweit an der Geschichte gearbeitet haben, irgendwann bist du so verkopft in deine Geschichte, dass du einen professionellen Blick von außen brauchst, der erkennt: Das versteht man hier gar nicht, oder: Hier gibt es Doppelungen. Erst dann gibt es ein wirklich rundes Manuskript.
Man könnte sich das Lektorat ja auch dazukaufen. Matthias Matting, einer der erfolgreichsten Selfpublisher, der alle acht Wochen einen neuen Roman veröffentlicht, arbeitet ab und zu mit einem Verlag zusammen, gerade um in den stationären Buchhandel zu kommen. Sebastian, du bist inzwischen auch Gesellschafter des Hörbuch- und E-Book-Verlags Parkum, gemeinsam mit deinem Literaturagenten Roman Hocke und dem früheren Audible-Deutschlandchef. Ist das der erste Schritt zum Verleger?
Sebastian: Ganz naiv: Michael Treutler ist ein sehr guter Freund von mir, und ich halte unglaublich viel von ihm. Einen Teil meiner Karriere verdanke ich ihm. Als er sich 2006 für mein erstes Hörbuch einsetzte und Simon Jäger als Sprecher gewann, ging das auf Platz eins bei Audible. Als er sagte, er wolle sich selbstständig machen, war es für mich ein No-Brainer, ihn zu unterstützen. Und sein Ansatz hat mich überzeugt: Ein Hörbuch produzieren und es gleichzeitig auf Englisch und Spanisch herausbringen – das geht eigentlich nur, wenn man das selbst in der Hand hat. Normalerweise wird ein Hörspiel nicht gleichzeitig in verschiedenen Sprachen veröffentlicht. Also unterstütze ich ihn – aber er macht die Hauptarbeit.
Das ist auch deshalb spannend, weil Verlage die Internationalisierung oft nicht hinbekommen – die Rechtestruktur ist sehr kompliziert.
Sebastian: Genau. Warum sollte ein deutscher Verlag außerhalb des DACH-Raums produzieren wollen? Ich glaube, das ist ein sehr guter Ansatz, auch anderen Autoren eine möglichst breite Plattform zu geben. Aber ich kann mich zum Glück auf die Geschichten konzentrieren, an Gesellschafter-Meetings muss ich zwar teilnehmen, das ist aber auch das Höchste der Gefühle.
Technologische Disruption und die Validität menschlicher Schöpfungskraft
Bei der Internationalisierung im Hörbuchbereich denkt man schnell an den Einsatz synthetischer Stimmen. Beim Buch ist auf dem Vorsatzpapier zu lesen: „Autorengarantie: Dieses Buch wurde ohne künstliche Intelligenz geschrieben.“ Wie lange wird das noch ein Qualitätsargument sein?
Annika: Ich hoffe, dass das noch lange ein Qualitätsmerkmal sein wird und ich denke, dass man es in den Texten spüren wird. Es gibt schon einige, die mit KI jede Woche Self-Publishing-Titel auf den Markt werfen. Ich bin aber felsenfest davon überzeugt, dass das spürbar ist. Und es ist ja auch irgendwie traurig: Wenn man schreiben möchte, ist genau der Schreibprozess das, was man machen will. Wie wenn du Schauspieler werden willst, dann willst du es auch selbst spielen. Das schließt sich mit KI für mich aus.
Ich finde es schwierig zu unterscheiden, wo KI-Einsatz beginnt und endet. Ist die Rechtschreibkorrektur in Word auch schon KI? Meint ihr das Verbot also auf den Schreibprozess bezogen?
Annika: Ja, auf den Schreibprozess. Bei der ersten Recherche finde ich KI jetzt nicht grundsätzlich problematisch, allerdings muss man auch da immer noch gewissenhaft nachprüfen, weil nicht immer alles stimmt. Aber wenn es um Kreativität und den weiteren Prozess geht, schließt sich das für mich aus.
Sebastian: Die Frage ist: Wer schreibt? Schreibt die KI oder schreibt der Mensch? Da werden auch viele Juristen noch Probleme haben, das genau zu definieren. Ich glaube, es müsste eine Kennzeichnungspflicht geben, ab einem gewissen Prozentsatz, wenn ein Werk wirklich von der KI gefertigt wurde und sie nicht nur in vertretbarem Maß als unterstützendes Werkzeug eingesetzt wurde.
Was ich anders sehe als Annika: Ich bin mir nicht so sicher, ob man den Unterschied irgendwann noch spüren wird. Wir sehen das im Film- und Videobereich, wie täuschend echt das alles wird. Aber was ich glaube: Das Bedürfnis, dass echte Menschen etwas von echten Menschen erfahren wollen, wird sich nicht so schnell ändern. Ich glaube nicht, dass man hunderttausend Leute dazu bekommt, einem Avatar zuzujubeln. Man geht lieber zu einer Band, die nicht so perfekt spielt, wie es die KI könnte. Was mich besorgt stimmt: Junge Nachwuchskünstlerinnen und -künstler haben es in der Flut von KI-produzierten Werken noch schwerer, überhaupt wahrgenommen zu werden.
Ich stelle mir vor, man könnte seinen Lieblingshörbuchsprecher lizenzieren – oder die Ideen von euch kaufen und sie von einer KI ausformulieren lassen. Wäre das interessant, weil weniger Arbeit – oder würde es den Spaß am Schreiben verderben?
Sebastian: Ich glaube, dass dieses Bedürfnis überschätzt wird. In den Neunzigern wurde interaktives Fernsehen propagiert, du kannst das Ende wählen, abstimmen, wie’s weitergeht. Netflix hat jetzt den letzten Versuch damit eingestellt, weil die Menschen in der Mehrzahl eine gute Geschichte serviert bekommen wollen. Sie haben keine Lust, in ihrer Freizeit auch noch zu arbeiten. Und Menschen wollen über etwas kommunizieren. Niemand würde sagen, ich schaue das WM-Finale in zwei Wochen an und generiere mir ein alternatives Ende. Wir lassen uns etwas vorsetzen und am nächsten Tag treffen wir Menschen und diskutieren darüber. Das wird immer wichtiger werden.
Annika: Ich stelle mir das auch schwierig vor. Wir haben am Anfang viel gebrainstormt, unser Gerüst gebaut. Aber beim Schreiben entwickelt sich eine Eigendynamik, manchmal machen Figuren Dinge, die ich selbst vorher nicht wusste. Die werden lebendig und gehen ihren eigenen Weg. Oder man kommt an eine Stelle und denkt: Hier wäre eigentlich etwas anderes besser. Dieser Prozess ist das eigentliche Schreiben.
Sebastian: Es könnte so sein, dass ein KI-generierter Text nach objektiven Kriterien, so wie es sie in der Kunst selten gibt, sogar besser ankommt. Aber ich glaube, dass ein KI-generierter Text in den Augen und Ohren der Menschen halt gar nichts wert ist, sobald er als solcher klassifiziert ist. Was nichts kostet, ist auch nichts. Künstlerische Leistung steht und fällt immer mit dem Menschen dahinter. Die Autorenmarke wird wichtiger, aber generell wird der Mensch wichtiger. Im Tennis waren Boris Becker, Steffi Graf oder John McEnroe nicht unbedingt technisch besser als alle anderen. Aber sie waren Persönlichkeiten. Ich muss jemanden im Center Court schwitzen sehen. Und dann ist es egal, ob jemand anderes genauso gut spielt, es muss auch eine Persönlichkeit sein.
Letzte Frage: Ihr seid erfahren im Spannungsaufbau. Wovor gruselt euch selbst noch?
Annika: Mich gruselt eigentlich alles. Ich bin ein Worst-Case-Szenario-Denker. Ich halte mich immer an Regeln, weil ich wirklich denke: Wenn mir jetzt was passiert, bin ich selbst schuld. Wenn mir jemand sagt, geh da nicht lang, das ist gefährlich, dann gehe ich da auf gar keinen Fall hin. Stattdessen überlege ich mir, was dort auf mich warten könnte. Ich habe eigentlich vor sehr, sehr vielen Dingen Angst.
Sebastian: Wenn man nicht selbst Angst empfindet, kann man ja nicht diesen Funken überspringen lassen, im Positiven wie im Negativen. Bei mir reichen unerklärliche Geräusche in der Dunkelheit. Ich wohne in einem alten Haus, da kracht und knallt es immer irgendwo. Und wenn ich weiß, dass ich ganz allein bin, und auf einmal höre ich über mir die Klospülung, das ist ein Standardbeispiel, wo ich sage: Das reicht. Dann gehe ich erst mal nachschauen, ob vielleicht doch jemand auf der Toilette hockt.
Das Gespräch führten Albrecht Mangler und Daniel Lenz.
